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Globalisierung des Golfsports: Regel-Revolution und World Handicap

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Wenn es einen Sport gibt bei dem Tradition ganz groß geschrieben wird, dann ist es Golf.
Bis auf die Mitte des 16. Jahrhunderts sollen die Anfänge des Golfsports zurückgehen. Die kürzlich veröffentlichten Meldungen zu Regelvereinfachung und World Handicap kommen daher für viele überraschend.

Vereinfachung der Golfregeln

Bereits 1745 wurden die ersten Golfregeln – damals 13 an der Zahl – niedergeschrieben und im Laufe der Zeit wuchs das Regelwerk so umfassend (besonders in den letzten beiden Jahrzehnten), dass man fast ein kleines Jurastudium brauchte, um es zu verstehen.

R&A und USGA selten einer Meinung

Man muss wissen, dass die beiden Institutionen für das Regelwerk der R&A St. Andrews für Europa und die USGA für Amerika, sich nicht immer eins waren in den letzten Jahrzehnten, was die Regeln anbetrifft.

Sehr wohl ist vielen noch in Erinnerung, dass bis in die 1970er Jahre noch mit Bällen unterschiedlicher Größen gespielt wurde. Auch der langjährige Krieg zwischen den Verbänden über „regelkonforme“ Schläger (Stichwort „Ping“).

Die Meldung Anfang des Jahres, dass beide Verbände sich gemeinsam auf eine Reduzierung der Golfregeln ab 2019 einigen wollen (lies unseren Artikel vom 1. März 2017), kommt deshalb einer Sensation gleich. Besonders wenn man um die Verbundenheit und die Pflege der Tradition im Golfsport weiß.

Rückläufige Zahlen als Auslöser für Golf Reformen

Die Nachwuchszahlen im Golfsport sind rückläufig © photos / depositphotos

Was ist der Auslöser für ein solches Umdenken bei den Altvorderen und Traditionalisten im Golf? Es kann nur der Druck der Golfindustrie und der weltweite enorme Rückgang an Golfern sein.

Wenn man von Zahlen hört wie „5 Millionen weniger Golfer in den USA“, „ein Drittel weniger Clubmitglieder in UK“ oder „Einbruch um 25% in Australien“, also in lauter klassischen Golfländern wo Golf quasi Volkssport ist, muss dies der Ausgangspunkt für diese neue Reformfreudigkeit sein.

World Handicap – Längst überfällige Neuerung

Längst überfällig war auch der neueste Reformwille: Die weltweite Vereinheitlichung des Handicap-Systems im Golfsport: Das World Handicap (lies unseren Artikel vom 20. April 2017). In anderen Sportarten, wie beispielsweise im Tennis wäre es undenkbar, dass man jahrzehntelang nach verschiedenartigen Systemen in den unterschiedlichen Ländern spielt.

Internationaler Vergleich: Handicap-System in Deutschland zu kompliziert

Würde man sich an den Ursprung der Golfidee halten, wäre es viel einfacher, mehr Golfer für den Sport zu gewinnen. Besonders eher golferisch unbedeutende Länder (Tradition und Mitgliederzahlen) wie Deutschland und Österreich, wo Golf eben eine Randsportart ist, haben ein viel zu kompliziertes Handicap-System.

Die Klage von Golfinteressierten über die zu schwierigen Einstiegshürden wurden bisher von den hiesigen Verbänden noch nicht verstanden. Begriffe wie „Platzreife“, „Handicap 54“, „Turnierreife“ etc. sind weltweit in fast allen Golfländern gänzlich unbekannt.

Oftmals passierte es, wenn man als Deutscher oder Österreicher in die USA oder UK reiste und golfen wollte, dass man auf die Frage nach dem Handicap mit z.B. „42“ antwortete und daraufhin dort nur ein Kopfschütteln erntete: „Sind sie sicher, dass sie Golfen?“.

(Ab-)Schreckgespenst Platzreife-Prüfung

In Deutschland notwendig: Platzreife © jfx

Warum bei uns Prüfungen vorgeschrieben werden, um eine an sich ungefährliche Sportart zu betreiben, dürfte der deutschen Mentalität zuzuschreiben sein.

Der verpflichtende Gang zu einem qualifizierten Trainer und der Besuch von Regelveranstaltungen sollten eigentlich genügen, um das für Interessierte abschreckende Wort „Prüfung“ zu vermeiden.

Im Übrigen obliegt es rein rechtlich nur dem veranstaltenden Golfclub ob, wie und wem er die Platzreife erteilt oder wen er auf seiner Anlage spielen lässt. Diese Aussage wird in solcher Form jedoch nie so publiziert. Im Gegenteil – sehr oft ist die falsche Aussage zu hören, man benötige diese Prüfung bzw. diesen Ausweis um weltweit spielen zu können!

Können radikale Reformen dem Golfsport Aufwind verschaffen?

Die Hoffnung ist nun, die geplante weltweit einheitliche Einführung eines gleichen Handicap-Systems und verschlankte Regeln, welche die hiesigen Verbände zu einer Entrümpelung ihrer jahrelangen, neukundenunfreundlicher Praxis zwingt.

Ob, wann und wie diese Reform kommt, dürfte angesichts der absehbaren Widerstände in den Verbänden im Moment nicht vorhersehbar sein. Es ist jedenfalls kaum anzunehmen, dass von den großen Golfnationen das in Deutschland und Österreich übliche Vorgehen mit Platzreifeprüfung, Handicap 54 usw. übernommen wird.

Die wirtschaftliche Situation wird angesichts des sinkenden Interesses am Golfsport wohl nicht besser werden. Der Druck muss von den einzelnen Clubs auf die Verbände kommen, die angestrebten radikalen Reformen baldigst durchzuführen. Die ständigen „Reförmchen“ in den letzten Jahren verwirrten oftmals mehr, als sie halfen, Neugolfer zu gewinnen.

Aushängeschild aufpolieren: Reformen im Profisport

Das Aushängeschild eines jeden Sports ist üblicherweise der Profisport. Dort werden die Idole geschaffen, welche meist der Ausgangspunkt für eigene sportliche Aktivitäten sind. Wenn es um Reformen im Amateurgolf geht, dann wäre es natürlich auch längst überfällig, solche auch im Profisport einzuführen.

Was ist damit gemeint? Bereits zwischen 1970 und 1980 wollten einige damalige Superstars wie Bellesteros, Norman, Langer eine allumfassende Golf World-Tour auf die Beine stellen. Das scheiterte aber am Widerstand der US PGA Tour. Klarerweise wollten und wollen die meisten Pros lieber dort spielen, um an die prall gefüllten Preistöpfe zu gelangen. Um aber die Vermarktung der US Tour zu sichern, sollten sich damals die europäischen Superstars zur Teilnahme an mindestens 12 Turnieren im Jahr verpflichten, gleichbedeutend einer Aufgabe der Teilnahme in Europa.

Seither schwelte der Konflikt und die Rivalität beider Touren vor sich hin. Es ist aber nach wie vor das Ziel aller Pros, das reguläre Spielrecht auf der wesentlich höher angesiedelten US Tour zu erreichen.

Aushängeschild Golfprofi: Hier der Deutsche Martin Kaymer
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Wo bleibt die World-Tour für den Golfsport?

Bereits in den 1960 Jahren, lange vor der PGA European Tour gab es die „Shell’s Wonderful World of Golf“. Dies waren weltweit gespielte Turniere die leider nicht in eine Welttour mündeten.

Im Tennis z.B. gibt es die ATP Welttour. Hier ist unkompliziert für jeden Tennisfan das System nachzuvollziehen. Nur sehr wenige, wirklich interessierte Golffans hierzulande blicken durch, bei der Wertigkeit und Spielberechtigung zwischen der US-PGA Tour, European Tour und den Major Tournaments. Von den vielen kleineren Unterligen und der unverständlichen Weltrangliste ganz abgesehen.

Schwerwiegende wirtschaftliche Interessen der mehr oder weniger ertragreich agierenden Firmen US-Tour, European Tour, Rydercup und die diversen Majors (ebenfalls eigene Firmen) sind wohl kaum unter einen „Weltturnierhut“ zu bringen.

Die Reformansätze welche zur Zeit nun debattiert werden, lassen zumindest den Hoffnungsschimmer zu, künftig vielleicht doch wieder mehr Zulauf zum Golfsport zu bringen.

Wie heißt es doch so schön: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“…!

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